Heute trafen sich etwa 100 Personen zu einem „Spaziergang“, aus dem eine Versammlung hervorging. Mobilisiert wurde dafür in/auf einschlägigen ostfriesischen Telegram-Gruppen/Facebook-Seiten sowie dem Telegram-Kanal der „Freien Niedersachsen“.
Es handelte sich also um Personen, die sich in Kanälen der verschwörungsideologischen Szene bewegen, in denen regelmäßig auch antisemitische und rechtsextreme Ansichten nicht nur relativiert, sondern akzeptiert und befeuert werden.
Neben dieser Hetze werden immer wieder Gewaltfantasien (mit)geteilt.
Dagegen wurde, auch mit Hinblick auf den vorigen nicht angemeldeten „Spaziergang“ mit Fackeln, eine Demonstration auf dem Denkmalplatz angemeldet. Dem Ort, an dem ursprünglich der Spaziergang starten sollte.
Von 17:30 bis 20:00 Uhr wurde die Demonstration angemeldet. Es versammelten sich etwa 40 Personen. Mit etwas Verspätung wurden die Auflagen vorgelesen. Der Anmelder hielt eine längere Rede. Im Anschluss daran bestand die Möglichkeit, ans Mikrofon heranzutreten.
Diese Chance wollten einige „Querdenker:innen“ offenbar wahrnehmen, traten als Gruppe vor den Anmelder und teilten diesem ihre Ansichten mit. Dieser ließ es nicht zu und wollte die Personen von der Versammlung ausschließen. Er bat die anwesende Polizeikräfte, dies umzusetzen.
Erst nach mehrfacher Bitte, die „Querdenker:innen“ bitte vom Platz zu entfernen, traten diese an den Anmelder und somit auch die Gruppe heran. Die nicht erwünschten Personen zogen sich langsam zurück; einige blieben zunächst im Umfeld der angemeldeten Versammlung.
Als der Anmelder die Demonstration wenig später beendete, applaudierten sie hämisch.
Schon während der Demo verabschiedeten sich einige Teilnehmer:innen Richtung Rathaus, um das dortige Geschehen zu beobachten.
Dort trafen sich zunächst etwa 30 bis 40 „Querdenker:innen“.
Die Polizei wusste um die nicht angemeldete Mobilisierung dorthin und war mit einigen Kräften vor Ort. Die verbotene Ansammlung wuchs bis zum geplanten Start um 18 Uhr auf etwa 100 Personen an und wurde von der Polizei zunächst mehr oder weniger am Laufen gehindert.
In mehreren Seitengassen sowie in Richtung der Waage positionierten sich Polizist:innen. Die teilnehmenden Personen hätten sich jedoch in die andere Richtung bewegen können, da dort lediglich drei Polizist:innen am Rand standen, um für Sicherheit zu sorgen.
Des Weiteren standen dort etwa 20 bis 30 Personen des Gegenprotests. Während diese auf Abstände und das Tragen von Masken achteten, scherten sich die „Querdenker:innen“ Großteiles nicht darum und standen nahe beisammen.
Die Polizei teilte ihnen schon zuvor mit, dass diese Ansammlung nicht genehmigt sei. Doch sie erhielten die Möglichkeit, eine:n Versammlungsleiter:in zu benennen und in der Folge zu „spazieren“. Die Auflagen wurden weiterhin nicht eingehalten und durchgesetzt.
Die Polizei begleitete die „Querdenker:innen“ auf einen Platz in der Nähe, an dem sie sich aufhalten durften und Lieder anstimmten. Die verbliebenen Gegendemonstranten blieben weiter im Umfeld, wurden von der Polizei jedoch auf Distanz gehalten.
Der Protest gegen die „Querdenker:innen“ war trotz der überschaubaren Anzahl an Teilnehmer:innen in mehrfacher Hinsicht erfolgreich. Sie erhielten nicht die Möglichkeit, sich an ihrem gewünschten Platz zu versammeln und wurden in ihrem Ablauf von der Polizei behindert.
Und obwohl von der Demo keine Aggressionen ausgingen, wurde diese von einigen „Querdenker:innen“ als bedrohlich wahrgenommen. Diese überlegen jetzt, sich nicht mehr an „Spaziergängen“ in Leer zu beteiligen. Auch, weil der Anmelder weiteren Protest in Aussicht stellte.
Des Weiteren hat die Gegendemo für mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Die Folge: Am kommenden Montag rufen die Leeraner Grünen, Linken, CDU, SPD und FDP sowie weitere Bündnisse dazu auf, gegen diese Szene ein Zeichen zu setzen. Geplant ist wohl eine Menschenkette. Für die Demo am Samstag in Emden wurde ebenfalls Protest dagegen angemeldet. In Ostfriesland tut sich also etwas. Den „Querdenker:innen“ werden die Straßen nicht mehr einfach so überlassen.
########## DEMO TICKER ##########
17:59
9 Wannen voll besetzt am Rathaus/Waage.
An der Waage ca 10 Schwurbler.
Vor dem Rathaus ca. 16 Schwurbler.
18:01
4 Schwurbler hinter Rathaus
Teil der Bullen ausgestiegen und postieren sich hinter Rathaus und in den Seitengassen. (Bearbeitet)
18:03
Jetzt gehts im Schnellschritt auf den Rathausplatz.
Weitere Schw. kommen an.
Fotos zu gefährlich.
Ich schau was passiert….sitze im Moment hinterm Rathaus und tu ahnungslos.
18:07
Eine Gruppe Schw. berät sich hier in der Seitengasse.
Versteh kein Wort
Ich geh gleich nach vorne….hört sich jetzt nach vielen Menschen an.
18:09
Die Polizei macht grade Durchsage, dass es eine nicht genehmigte Versammlung ist.
Machen Angebot auf eine Lösung
Jetzt singen alle „Die Gedanken sind frei“ lauthals.
Die singen echt alle Strophen
18:12
Es ist dunkel und unübersichtlich
Hunde sind auch bei
18:20
Ist unüberschaubar die Menge. Sind von Polizei eingekesselt.
Hier am Rand haben sich Menschen versammelt.
Die das beobachten hinter der Polizeiabsperrung.
Sind ca 15 bis 20 Personen die hinter der Absperrung stehen
Mehrere schreiben auf Handy
18:25
Einige sind wieder gegangen von den Zaungästen
18:26
Eine größere Gruppe löst sich nun von den Zaungästen und läuft mit Laterne los
Ungehindert
Stehen jetzt weiter weg und beobachten wieder
Die Gruppe ist ohne Masken
Kleine Gruppe steht hier mit Masken …gehören nicht zu den anderen
18:28
Wie du auf den Fotos siehst ist Kessel ein weiter Begriff
Auf dieser Seite sind nur 3 Bullen, die die Fußgängerzone sichern und die stehen am Rand
18:42
Die lassen die laufen
Die dürfen laufen
(Die laufen in den Jungfernstieg rein) Da ich mich nicht traute meine Kamera raus zu holen hab ich versucht Fotos, ohne Blitzlicht vom Handy zu machen. Stell sie trotz der schlechten Qualität zu Dokuzwecke trotzdem rein.
19:14 (Nun nicht mehr allein unterwegs)
Nachdem wir uns von dem Schock erholt haben stehen wir jetzt in der Fußgängerzone
Schw. stehen auf Ernst-Reuter-Platz und singen Weihnachtslieder.
Werden von Polizeikette geschützt.
Davor stehen Passanten und wieder die kleine Gruppe von vorhin. (Diese kleine standhafte Gruppe hatte sich später als Friday for Future Leer und Borussia Leer herausgestellt)
19:19
Polizei aus Oldenburg ist jetzt auch hier um die Schw. nun zu schützen.
Passanten mit Masken werden immer mehr, die fassungslos das Schauspiel betrachten.
Es ist alles sehr still hier, nur leises allgemeines Gemurmel.
Keine Transpis, keine Schilder usw
Weder beim „Gegenprotest“ noch bei den Schwurblern
19:22
Zivilbulle auch hier am Start.
Bullen lassen nicht mal Passanten durch.
Die Bullen stehen hier in 3er Reihe
8 + Zivi bewachen die Seite der Passanten
In der Mitte laufen einige rum und ca. 7 bewachen die Seite der Sch.
19:38
Schwurbler noch ca 40 vor Ort.
Lösen sich langsam aus.
Polizeikette besteht zu unserer Seite aber weiter. Die meisten „Zaungäste“ sind auch gegangen.
Zivi hält sich hartnäckig.
Polizeikette lässt immer noch keinen durch.
19:40
Wir sind jetzt wohl raus.
Falls auf dem Weg noch was sein sollte, schreib ich wieder.
Darf benutzt werden für Bericht (um)schreiben oder so wie es ist.
Leer 13.12.2021 (Einschätzung)
Der Gegenprotest am Denkmalplatz, angemeldet von einer Privatperson, war mit 40 Menschen scheinbar schlecht besucht. Könnte man meinen, ist aber nicht so. In Leer Menschen auf die Straße zu bekommen ist gar nicht so einfach. Dazu kommt, dass das es in Leer keine antifaschistischen oder Linke Szene gibt und die Mobilisierung nur in sozialen Medien stattfand, weder Flyer verteilt werden konnten noch die örtlichen Zeitungen sich dazu herab ließen darüber zu berichten, weil sie meinen das wäre ein Scherz gewesen. Über den Protest der Impfgegner wurde allerdings im Vorfeld berichtet, sehr verdrehte Welt.
Es war nicht mal eine Woche Zeit für die Mobilisierung und trotz all dieser schlechten Bedingungen und Widrigkeiten kamen 40 Menschen zu einer kaum bekannten Veranstaltung. Da ist in Anbetracht der Umstände für Leer eine beträchtliche Menge an Menschen. Großstädte wie Hamburg und Berlin, mit einer großen Linken Szene, bekommen seit 2 Jahren meist nur eine Hand voll an Gegenprotest hin, daher ist Leer prozentual auf die Bevölkerungsdichte mehr als gut aufgestellt gewesen. Zu den 40Menschen am Denkmalplatz muss man auch die Menschen mit zuzählen, die am Rathaus standen und gegen den Aufmarsch protestierten und dokumentierten.
Aus folgenden Gründen halte ich die Gegenkundgebung für einen vollen Erfolg:
- Trotz schlechter Mobilisierung kamen 50 Menschen zuzüglich der ca. 15 Personen am Rathaus.
- Es wurde verhindert, dass die Querrechten sich mitten in der Fußgängerzone am Denkmalplatz treffen konnten und durch die Stadt laufen konnten, während die Stadt noch gut besucht ist.
- Ein weiterer Fackelmarsch in SA Manier wurde verhindert.
- Es gab eine Woche große Aufregung und Panik bei den Queren.
- Polizei leitete die Schwurbeldemo an den Ernst-Reuter-Platz, welcher Abends eher an eine dunkele und einsame Ecke erinnert, als an einen Platz. Niemand hat sie da gesehen und gehört.
- An diesem Tag hatten die Schwurbler keine Reichweite. Lediglich waren sie ein ganz schönes Ärgernis für Passanten, die, ob am Rathaus oder am Ernst-Reuter-Platz, extrem über diese geschimpft haben.
- Es war der Anstoß dazu, das auch viele andere sich nun engagieren, so das es nun Parteiübergreifenden Gegenprotest gibt, wo das Wunder passiert, das sogar CDU und FDP ihren Hintern hochbekommen und sich anschließen. Soweit ich zurückdenken kann, das erste Mal überhaupt und einzigartig in ganz Deutschland.
- So wird auch am kommenden Montag verhindert, dass die Querdenker ihren Menschenverachtenden Müll auf die Straße tragen können.
- In Solidarität werden die Straßen in Leer zurückerobert.
- Während die Oldenburger Bereitschaftspolizei in Leer war, konnten die Oldenburger Antifaschisten dort in Ruhe die Querrechten von den Straßen scheuchen, da aus einem unklaren Grund vermutet wurde, dass Oldenburger Antifaschisten in Leer sein würden.
Zum vorzeitigen Demo-Ende: Einige Teilnehmer:innen sahen eher einen Sinn darin, den unangemeldeten Protest der „Querdenker:innen“ zu beobachten und verabschiedeten sich schon vor der Verkündigung, dass die Versammlung beendet sei, in Richtung des Rathauses. Als dann niemand mehr ans Mikrofon treten wollte außer Schwurbler:innen und diese sich mehrfach weigerten, den Platz zu verlassen und den Anmelder mit ihrem Müll zuzutexten, sah dieser wohl keinen Sinn mehr darin, die Versammlung fortzusetzen. Zumal die Polizei nur zurückhaltend bzw. gar nicht eingriff, weil die Schwurbler:innen sich dann doch noch ein Stück entfernten.
Und ich kann das Fazit nur unterstreichen. Vor Ort fühlte sich die Demo wie eine Niederlage an. Mit etwas Abstand und gerade weil sie die „Querdenker:innen“ derart beschäftigte und weiteren Protest auslöste, war es ein voller Erfolg. Abgerundet worden wäre es lediglich noch durch Transparente nahe der unangemeldeten Versammlung und mehr gemeinsame Rufe dagegen.
Und da sage noch einer, die Gegenkundgebung, auch wenn sie, aus mir nicht bekannten Gründen, nach 45 Minuten abgebrochen wurde, wäre ein Reinfall gewesen. Sie war also bei genauer Betrachtung ein voller Erfolg.







