Die Demonstration wurde kurzfristig vor das Zollhaus verlegt. Dort werden bereits bekannte Schilder und Transparente gezeigt.
Das untereinander gut vernetzte verschwörungsideologische Spektrum in Ostfriesland und Friesland bewarb schon vor einiger Zeit unter dem Titel „Ostfriesland Gemeinsam“ einen lokalpatriotisch anmutenden Demonstrationskalender. Hierbei handelt es sich nicht, wie angenommen werden könnte, um eine für sich stehende, gar neue Bewegung innerhalb der „Querdenken“-Szene. Viel mehr mobilisieren schon bekannte Gruppen und Personen für die Demonstrationen. So waren einige Menschen vor Ort, die wir bereits bei unserer Begleitung der Demonstration in Emden am 24. April wahrgenommen haben oder die durch ihre Aktivitäten bei Telegram und anderenorts schon aufgefallen sind.
Moin aus #Leer. Heute findet die nächste Demo aus dem verschwörungsideologischen Spektrum statt. Dafür mobilisiert haben die üblichen Verdächtigen aus #Ostfriesland, #Friesland, #Wilhelmshaven #Leer0506 pic.twitter.com/i7eTnqrTuQ
— @RN!OFO (@ofo_rn) June 5, 2021
Die ersten beiden Demonstrationen, die wir selbst nicht begleiteten, fanden am achten sowie am 22. Mai in Norden bzw. Jever statt. Zu Jever liegen Bilder sowie eine kurze Einordnung des Recherche-Kollektivs „Auf Abstand“ vor. Dabei wird aufgrund der identischen Schilder auf unseren bereits weiter oben verlinkten Beitrag zu Emden verwiesen. Die gleichen Schilder und Banner wurden, wie später noch ausgeführt wird, wenig überraschend auch in Leer verwendet.
Im Rahmen einer verschwörungsideologischen Veranstaltungsreihe mit dem Titel "Ostfriesland Gemeinsam" sind von Mai – Juli mehrere Veranstaltungen in #Ostfriesland geplant. Am 8.5. fanden in #Norden und am 22.5. in #Jever die ersten Veranstaltungen statt:https://t.co/QfOrJeSAlv
— Auf Abstand (@AAbstand) May 23, 2021
Die Demonstrationen werden insbesondere in den zum Teil bereits an anderer Stelle mehrfach erwähnten Telegram-Gruppen „Wilhelmshaven unter sich“ und „Nachbarn in Aurich, Leer Ostfriesland“ beworben und unabhängig der Anzahl an Teilnehmer:innen regelmäßig im Nachgang als Erfolge dargestellt. Weit vorne mit dabei, wenn nicht federführend ist Gotmar Knauff alias „Der Philosoph“.
„Der Philosoph“ Gotmar Knauff offenbar als Ordner. Hier widmet er seine Aufmerksamkeit einer Person mit Antifa-Fahne.
Nach dieser kurzen Einordnung widmen wir uns im Folgenden dem Geschehen vor Ort in Leer. Zuletzt wurde für die Demonstration mit Blick auf die Vernachlässigung von Kindern während der Corona-Pandemie mobilisiert. Das war, wie schon so oft bei derartigen Demonstrationen, nur ein Mittel zum Zweck und der Versuch neue Mitstreiter:innen sowie eine beachtliche Anzahl an Teilnehmer:innen zu gewinnen. Während der erste Redner zumindest noch über die vor allem Kinder betreffenden Maßnahmen sprach – natürlich von keinem Standpunkt aus, dem etwas abgewonnen werden sollte – wurden Kinder in anderen Reden kaum oder gar nicht erwähnt. Ebenso wenig Berücksichtigung fanden sie auf Schildern, Transparenten und bei der abgespielten Musik. Der ebenfalls anwesende und inzwischen bestens bekannte Olaf Kastner nahm während seiner Rede keinerlei Rücksicht und brüllte seine abstrusen Gedanken ins Mikrofon. Zuvor wurden bereits lautstark Parolen geschrien. Das Pusten von Seifenblasen war eine der ganz wenigen kinderfreundlichen Aktionen bei einer Demonstration, deren Organisator:innen im Vorfeld behaupteten für die Rechte von Kindern einzutreten und deren Teilnahme ausdrücklich erwünschten.
„Stammgast“ Olaf Kastner applaudiert einem Redner. Im Bild ist er umgeben von Lothar Zöllner und Anke Wolff.
Nur wenige Personen geben sich überhaupt die Mühe, den Anschein zu erwecken es handle sich um eine Demo für die Kinder.
Auf den Ballons zu sehen: Werbung für die „Querdenken“-Initiative „Eltern stehen auf“.
Ursprünglich sollte die Demonstration am Denkmalsplatz stattfinden. Das genehmigte die Stadt aber wohl nicht, sodass sich die „Querdenker:innen“ vor dem Zollhaus einfanden. Zwar waren sie so in Sichtweite vieler Autofahrer:innen und des Bahnhofs. Dafür wurde ihnen jedoch die Möglichkeit genommen, die enorme Menschenmenge an diesem sonnigen Wochenendtag in Leer zu stören oder im Anschluss zu behaupten, dass es sich dabei um Mitstreiter:innen handeln würde. Die Stadt wirkte aus gutem Grund überfüllt: Schon zum Zeitpunkt der Demonstration waren die Corona-Zahlen in Leer stark rückläufig und konstant unter dem Grenzwert 35, sodass viele gastronomische Betriebe sowie der Einzelhandel mit vielen Freiheiten öffnen konnten. Dass die Maskenpflicht in der Innenstadt aufgehoben wurde und Menschen freiwillig mit Mund-Nasen-Schutz umherliefen, war für die „Querdenker:innen“ ein großes Ärgernis und Folge der Berichterstattung „der“ Medien sowie des Verhaltens „der“ Politiker:innen. Die Menschen, die von sich behaupten für Freiheit einzutreten, störten sich also an der Freiheit der anderen, die für sich entschieden Masken zu tragen. Das war nicht das einzige surreal Anmutende. Die gesamte Demonstration ist ohnehin als Absurdität anzusehen, was dadurch, dass die Teilnehmer:innen durch eine volle Innenstadt liefen, extrem groteske Züge annahm. Und eine Auswahl bzw. Aussortierung der bekannten Schilder fand im Vorfeld offensichtlich auch nicht statt: Während inzwischen nahezu alles wieder öffnete, vieles ohne starke Einschränkungen, wurde bspw. weiterhin die Öffnung von Fitnessstudios gefordert, ebenso das Vereinsleben wieder möglich zu machen. Dabei war es schon seit einiger Zeit wieder möglich Sport im Verein, Team und Fitnessstudio zu treiben.
Hinten links zu erkennen: Schilder, deren Inhalte gar nichts mehr mit der aktuellen Situation zu tun haben.
Vermeintlicher Protest für die Freiheit. Die Weltbilder der „Querdenker:innen“ haben damit aber nur wenig gemein.
Die Aufhebung der Maskenpflicht galt nicht für die Demonstration, wohl aber für die an den Veranstaltungsort angrenzenden Bürgersteige. Das machten sich viele Teilnehmer:innen zu Nutze. Innerhalb der Absperrungen trugen einige Menschen Masken und hielten Abstand, direkt am Flatterband stehend war dies nicht notwendig und wurde dementsprechend auch nicht umgesetzt. Das führte dazu, dass innerhalb weniger als 40 Menschen waren, außerhalb aber mehr als 40. Das störte die in geringer Anzahl anwesenden Polizeikräfte aus Leer nicht, sodass die Auflagen ad absurdum geführt wurden.
Offensichtlich Teil der Demonstration und dennoch an keine Auflagen gebunden. Wogegen wird noch protestiert?
Die Polizeikräfte fielen jedoch nicht nur wegen des Nicht-Eingreifens auf: Eine Person hatte sich alleine und mit einer Antifa-Fahne ausgerüstet zum Kundgebungsort begeben und die Flagge zwischenzeitlich direkt an der Absperrung spontan gemeinsam mit einer weiteren Person gut sichtbar hochgehalten. Dieser überschaubare und nicht einmal anmeldungspflichtige Gegenprotest reichte den Polizist:innen aus, um die Personalien festzustellen. Dieses Vorgehen mutet merkwürdig an, da es keinen nachvollziehbaren Grund dafür gab. Zudem ist es unverhältnismäßig, da alle anderen Personen auf den Bürgersteigen nicht ihre Personalien übermitteln mussten. Mutmaßlich wurde später eine weitere Personalie festgestellt, jedoch konnten wir nur sehen, wie eine andere Person mit zwei Polizist:innen zu einem Auto lief, womöglich ihren Personalausweis herausholte und die Polizei sich etwas notierte. Die Person mit Antifa-Fahne hielt sich weiter in unmittelbarer Nähe zur Demo auf, verlies dann aber zügig den Ort, als abermals mehrere Polizist:innen auf sie zukamen und sich bereits Handschuhe anzogen. Ob und was vorgefallen ist, konnten wir ebenfalls nicht abschließend feststellen. Zuvor richteten einige Polizist:innen ihre Aufmerksamkeit schon auf eine Gruppe obdachloser Menschen. Mutmaßlich wurden diese ebenfalls dazu aufgefordert ihre Kontaktdaten preiszugeben, außerdem den Platz zu verlassen. Dieses Vorgehen wirkte willkürlich und nicht gerechtfertigt. Als die Person mit Antifa-Fahne später zurückkehrte, ging sie, nachdem der Demo-Umzug wieder am Veranstaltungsort ankam, direkt auf Teilnehmer:innen zu. Einige beantworteten dieses Vorgehen mit „Nazis raus“-Rufen, was ebenfalls sehr grotesk ist.
Das Halten einer Antifa-Fahne reicht zur Aufnahme der Personalien aus. Die Demo-Teilnehmer:innen müssen sich damit nicht herumschlagen.
Weshalb die Polizei sich die Daten dieses Mannes notiert, ist uns nicht bekannt.
Die Personen im Hintergrund haben wohl nichts mit der Demo zu tun. Dennoch werden sie von der Polizei behelligt. Vorne im Bild: Demo-Teilnehmer:innen, links laut eigener Aussage ein „Basis“-Mitglied.
Neben Olaf Kastner fielen vor allem zwei vermummte Personen sowie einige Mitglieder der Partei „Die Basis“ auf. Gerade eine der vermummten Personen wirkte sehr überlegt in ihrem Verhalten. Ein solches Auftreten ist auch aus neonazistischen Kreisen bekannt. Von der „Querdenken“ entstammenden Partei „Die Basis“ war u. a. Rafael Gil Brand vor Ort.
Auffällig unauffällig: Derartiges Auftreten ist aus „anderen“ Kreisen bekannt.
Auch diese Person ist gar nicht zu erkennen, hält sich jedoch nicht abseits auf, sondern spricht mit anderen Teilnehmer:innen. Auf dem Kopf trägt sie eine Ducati-Mütze.
Auf einem Schild links steht: „Zeigt wieder euer Lächeln“. Dem kommt „Basis“-Mitglied Rafael Gil Brand im Gespräch mit einer Polizistin aber nicht nach.
Die übrig gebliebenen „Querdenker:innen“ sind nicht zu unterschätzen. Zwar scheinen sie über ihre „Stammgäste“ hinaus kaum noch Leute mobilisieren und für sich gewinnen zu können. Doch sie sind anschlussfähig an die extreme Rechte, in ihrem Standpunkt festgefahren und vertreten radikale wie äußerst problematische Ansichten. Weitere Bilder der Demonstration befinden sich auf unserem Flickr-Account.
Übrigens: Mehrere „Basis“-Mitglieder, die auch in Leer vor Ort waren, traten kürzlich mutmaßlich mit den uns bekannten Schildern in Oldenburg auf, sahen sich jedoch Gegenprotest ausgesetzt.
(1/2) Heute versammelten sich ganze fünf (5) Verschwörungsgläubige in #Oldenburg beim Pferdemarkt, um Werbung für die antisem. Partei DieBasis zu machen und mit diffusen Spruchschildern Vorbeifahrende zu belästigen. #Antifa|s waren sofort vor Ort und beendeten die Aktion. ❤️🖤 pic.twitter.com/c7jftBQRIJ
— NIKA Oldenburg (@Nika_Oldenburg) June 10, 2021
[…] zog es die Organisator:innen der friesischen und ostfriesischen Demo-Reihe, über deren Demos in Leer und Emden wir bereits ausführlich berichteten, auf den Marktplatz im […]