Kinder und Eltern der Waldorfschule Aurich, der tendenziöse Blog Aurich.tv, lokale Medien wie die Ostfriesen-Zeitung, das Gesundheitsamt des Landkreises Aurich, Gerichte und vermutlich noch viele mehr beschäftigen sich seit dem September des letzten Jahres immer wieder mit einem Vorfall an der Waldorfschule Aurich: Weil ein Kind an Corona erkrankt war, führte das Gesundheitsamt des Landkreises Aurich Schnelltests in der betroffenen Klasse durch ohne alle Eltern vorab zu erreichen. Das war, wie kürzlich das Oberlandesgericht Oldenburg feststellte, rechtlich einwandfrei. Zuvor lehnte die Staatsanwaltschaft Aurich die Strafverfolgung ab; die von der Mutter des Kindes kontaktierte Generalstaatsanwaltschaft Oldenburg bestätigte die Entscheidung in erster Instanz. Die Mutter behauptete, dass ihr Kind schwere psychische Traumatisierungen erlitten haben könne und wurde durch ein Attest einer Ärztin, gegen die womöglich Ermittlungen eingeleitet wurden, darin bestärkt.
Dazu hat u. a. die Ostfriesen-Zeitung immer wieder berichtet und einige Hintergründe angeschnitten. Das wollen wir an dieser Stelle fortführen und aufzeigen, inwiefern die „betroffene“ Mutter ihr Kind instrumentalisiert und in welchen Kreisen sie inzwischen verkehrt. Die Mutter wird im folgenden Text immer wieder Frau M. genannt.
Die Aufmerksamkeitsspirale
Der gesamte Vorfall schlug nur hohe Wellen, weil der lokale Blog Aurich.tv die Meinung von Frau M. unkritisch wiedergab und einseitig berichtete. Schon zuvor fiel der Blogger Stefan Dunkmann mit tendenziösen Beiträgen zur Corona-Pandemie und der lokalen „Querdenken“-Bewegung auf. Auch die „Ostfriesischen Ärzte für Aufklärung“ brachte er früh in die Öffentlichkeit. Wie Dunkmann arbeitet und als wie seriös er bzw. sein Blog zu bewerten ist, zeigt er in einem Beitrag des NDR-Magazins Zapp selbst auf. Zitat: „Ein Journalist, der keine Rüge gekriegt hat, ist kein Journalist.“ Dabei bezog Dunkmann sich auf die von Zapp erwähnte Rüge des Presserats, die er – damals noch als Journalist bei den Ostfriesischen Nachrichten – aufgrund eines Textes bekam, in dem er Konsequenzen für die für den Terror am 11. September 2001 verantwortlichen Terroristen forderte, bei denen nicht auf die Menschenrechte geachtet werden solle.
Wohl ausgehend von Aurich.tv verbreitete sich der Vorfall bundesweit in Chats der „Querdenker:innen“, bis sogar die Köpfe der Bewegung in Stuttgart die Darstellungen aufgriffen und für ihre Zwecke nutzten.
Es ist nur schwierig vorstellbar, dass Frau M. sich nicht bewusst an Aurich.tv wandte und ihr die bisherigen Darstellungen des Blogs zur Corona-Pandemie nicht bekannt waren. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sie ahnte, dass Stefan Dunkmann ihren Schilderungen nur zu gerne Raum geben würde.
Es gab in der Folge wohl weder von Aurich.tv noch von der Mutter eine Richtigstellung bzw. Distanzierung vom verschwörungsideologischen Spektrum. Ebenso wenig wurde die Hetze, der sich die Mitarbeiter:innen des Landkreises Aurich ausgesetzt sahen, verurteilt.
Die Instrumentalisierung eines Kindes
In der Telegram-Gruppe „Pädagogen für Aufklärung NW“ berichtet Frau M. vom Gespräch einer Ärztin mit dem Kind. Diese habe versucht dem Kind die Angst zu nehmen, hat es dabei aber wohl versäumt wissenschaftliche Erkenntnisse weiterzugeben. Stattdessen wurde das Kind von der Ärztin ebenfalls instrumentalisiert und Frau M. in ihrem Verschwörungswahn bestärkt. Laut Frau M. unterstützt sie die aus dem „Querdenken“-Umfeld stammenden „Ärzte für Aufklärung“.
Das Kind habe die Ärztin gefragt, was für eine Flüssigkeit es beim Testen im Hals gehabt habe. Diese habe zur Beruhigung mitgeteilt, dass es normal sei. Aber das glaube Frau M. in Wahrheit nicht, sondern dass noch viel mehr dahinter stecke. Sie bezeichnet sich als Aufgewachte und meint, dass sie schon im März 2020 für den Sturz der Regierung bereit gewesen sei. Sie hoffe, dass es beim Testen das große Aufwachen gebe und ein zweiter Lockdown die Wirtschaft ruiniere, damit selbst die vermeintlich „Dummen“ ihr und ihren Mitstreiter:innen endlich in den Verschwörungssumpf folgen würden. Außerdem wird die Nazi-Zeit herangezogen, um das gesellschaftliche Klima und die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus damit zu vergleichen. Das stellt eine unsägliche Relativierung des Nationalsozialismus dar.

In der gleichen Gruppe schreibt Frau M., dass „korrupte Gestalten“ bestraft werden müssten und alle in die Öffentlichkeit gezogen werden würden, die „bei diesem perversen Faschismus mitmachen“.
Szeneanwalt Dr. Christian Knoche
Frau M. holte sich für den „Marsch durch die Instanzen“ (Formulierung der OZ) den Szeneanwalt Dr. Christian Knoche an ihre Seite. Auch ihm bot Dunkmann bei Aurich.tv eine Bühne. Das Video wurde u. a. in der Telegram-Gruppe „Unterstützer Ärzte für Aufklärung“ geteilt.

Knoche machte wohl zuvor schon durch eine Rede vor dem Bundesverfassungsgericht und auch NS-Relativierung auf sich aufmerksam, wie diese Nachricht nahelegt.

Frau M. hat sich inzwischen mutmaßlich weiter radikalisiert. Zumindest lässt ihre Mitgliedschaft in einer Gruppe, die der Reichsbürger-Bewegung mindestens inhaltlich nahezustehen scheint, darauf schließen.
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